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Erika Saratz - Baumann

Die Kunst von Erika Saratz-Baumann beginnt mit dem genauen Hinsehen. Blätter, Blüten, Korallen, Käfer, Wasserbewegungen und andere organische Formen werden in ihren Arbeiten nicht einfach wiedergegeben, sondern untersucht, zerlegt und in neue bildnerische Ordnungen überführt. Aus der Beobachtung entstehen Rhythmus und Wiederholung, aus natürlichen Strukturen entwickeln sich Muster, und aus dem Vertrauten wächst eine Bildsprache, die sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bewegt.

BIOGRAFIE

Erika Saratz-Baumann wurde 1950 in Küsnacht am Zürichsee geboren und lebt und arbeitet seit 1978 in Pontresina im Engadin. Seit 1977 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin.

Ihr Werk umfasst Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Fotografie, Cyanotypie, Mixed Media und Skulptur sowie keramische und angewandte Arbeiten. Trotz dieser Vielfalt folgt ihr Schaffen einer konsequenten inneren Logik: dem Interesse an Linie, Oberfläche, Wiederholung, Veränderung und dem spannungsvollen Verhältnis zwischen Ordnung und Unregelmässigkeit.

TEXTILE PRÄGUNG UND MUSTER

Geprägt wurde dieses Denken durch ihre Ausbildung in Textildesign und Textiltechnik in Zürich. Der textile Rapport – die rhythmische Wiederkehr einer Form – bildet bis heute eine wesentliche Grundlage ihrer Arbeit.

Motive werden vereinfacht, vervielfacht, gespiegelt, verschoben und neu zusammengesetzt. Dabei versteht die Künstlerin das Muster nicht als dekoratives Element, sondern als lebendige Struktur. Keine Wiederholung ist vollkommen identisch; kleinste Abweichungen verändern das Ganze und verleihen ihm Bewegung.

NATUR ALS VISUELLES ARCHIV

Die Natur ist für Erika Saratz-Baumann ein unerschöpfliches visuelles Archiv. Besonders häufig begegnen in ihrem Werk Ginkgoblätter, Blüten, Korallen, Käfer und andere organische Formen.

Entscheidend ist jedoch weniger das einzelne Motiv als dessen Fähigkeit zur Verwandlung. Eine Pflanze kann zur Linie werden, ein Blatt zum Rhythmus, ein tierischer Körper zur abstrakten Ordnung. Auf diese Weise verliert das Sichtbare seine Eindeutigkeit und gewinnt eine neue, eigenständige Präsenz.

 

ARBEITSWEISE UND MATERIAL

Ihre Arbeitsweise ist experimentell und medienübergreifend. Zeichnung verbindet sich mit Druckgrafik, Malerei mit Fotografie. Ältere Radierungen werden zerschnitten, überarbeitet und in neue Zusammenhänge überführt.

Selbst entwickelte Stempel und druckähnliche Verfahren ermöglichen es ihr, Motive zu wiederholen und zugleich deren Unterschiede sichtbar zu machen. Das Werk entsteht in einem fortlaufenden Dialog mit dem Material: zwischen präziser Planung und intuitiver Entscheidung, zwischen handwerklicher Erfahrung und produktivem Zufall.

FOTOGRAFIE

Seit 2005 bildet die Fotografie einen weiteren Schwerpunkt ihres Schaffens. Nach einer einjährigen Ausbildung an der CAP Fotoschule in Zürich entwickelte sie eine fotografische Sprache, die von präziser Naturbeobachtung bis zu bewegten, verwischten und beinahe malerisch wirkenden Aufnahmen reicht.

Fotografien erscheinen als eigenständige Werke, werden aber ebenso überlagert, bemalt, neu angeordnet oder mit anderen Techniken verbunden. Die Grenzen zwischen Fotografie, Zeichnung und Malerei bleiben dabei bewusst offen.

CYANOTYPIE

In ihren Cyanotypien tritt das Licht selbst als gestaltende Kraft hervor. Pflanzen und Fundstücke hinterlassen durch Sonnenlicht ihre Spuren auf lichtempfindlich beschichtetem Papier. Wetter, Belichtungsdauer und die Position der verwendeten Materialien beeinflussen das Ergebnis unmittelbar.

Das charakteristische tiefe Blau wird in einzelnen Arbeiten durch Tönungen mit Kaffee oder Tee verändert. Jede Cyanotypie bleibt unwiederholbar und führt zentrale Themen ihres Werks zusammen: Abdruck und Erinnerung, Natur und Abstraktion, Kontrolle und Zufall.

SKULPTUR UND RAUM

Auch ihre skulpturalen Arbeiten entstehen aus der Auseinandersetzung mit Linie, Fläche und organischer Form. Flache Bronzeskulpturen, darunter Ginkgo- und Korallenmotive, entfalten ihre Wirkung nicht allein durch das Material, sondern ebenso durch die Schatten, die sie auf die Wand oder den Untergrund werfen. Das Werk setzt sich im Raum fort.

In keramischen Arbeiten und Kooperationen überträgt die Künstlerin ihre Muster auf dreidimensionale Objekte und verbindet freie Kunst mit angewandter Gestaltung, Materialbewusstsein und räumlichem Denken.

AUSBILDUNG UND WEITERENTWICKLUNG

Ihre künstlerische Praxis vertiefte Erika Saratz-Baumann kontinuierlich durch Semester- und Intensivkurse in Malerei, Radierung, Fotografie und Siebdruck an der Zürcher Hochschule der Künste sowie durch eine Weiterbildung in Interior Design an der ibW Höheren Fachschule Südostschweiz.

Diese Verbindung von Kunst, Gestaltung, Architektur und Raum prägt nicht nur die Entstehung ihrer Arbeiten, sondern auch deren Präsentation.

KULTURELLES ENGAGEMENT

Neben ihrem eigenen Schaffen engagierte sich Erika Saratz-Baumann über viele Jahre für das kulturelle Leben im Engadin. Sie war zehn Jahre Mitglied der Kulturkommission Pontresina, wirkte konzeptionell und organisatorisch an den Kunstwegen Pontresina mit und verantwortete während rund zwei Jahrzehnten Ausstellungen im Hotel Saratz.

In Innenräumen und im Park brachte sie Werke unterschiedlicher Kunstschaffender mit Architektur, Landschaft und Öffentlichkeit in Verbindung. Ihre eigenen Arbeiten wurden unter anderem im Museum Engiadinais in St. Moritz, im Kunstraum Riss in Samedan, in der Galerie Höchhuus in Küsnacht, im Rahmen von Kunst-Handwerk Pontresina und in der Galerie La Suosta in Madulain gezeigt.

DAS ENGADIN

Das Engadin ist für die Künstlerin weit mehr als ein geografischer Lebens- und Arbeitsort. Das alpine Licht, die Pflanzenwelt, die Jahreszeiten und die unmittelbare Erfahrung der Landschaft bilden einen fortdauernden Resonanzraum ihres Schaffens.

Dennoch entstehen keine klassischen Landschaftsdarstellungen. Wahrnehmungen werden verdichtet, auf Linien, Flächen, Rhythmen, Schatten und Spuren reduziert und in eine autonome Bildwelt überführt.

DIE VERBORGENE ORDNUNG DER NATUR

Über beinahe fünf Jahrzehnte hat Erika Saratz-Baumann ein vielschichtiges Werk entwickelt, das sich beständig verändert und zugleich unverkennbar bleibt.

Unabhängig vom Medium kreist es um eine zentrale Frage: Wie lässt sich die verborgene Ordnung der Natur sichtbar machen, ohne ihr Geheimnis aufzulösen?

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